Lieber Freund Rassehund!

Wie geht es Dir?
Ich denke, Du hast keinen Hunger - Dein Frauchen bringt Dir früh und abends eine Schüssel voll leckerer Dinge. Und Du frißt gar nicht auf? Das verstehe ich nicht.
Dann wirst Du spazierengeführt, was hast Du um den Hals? Eine Schlinge mit Leine? Darfst Du nicht laufen, wo Du möchtest? Darfst Du nicht schnuppern, wo Du willst?
Aber Du hast es immer warm, mußt im Winter nicht frieren. Sehnsüchtig schaust Du zum Fenster hinaus, wenn draußen die Schneeflocken tanzen und die Fußbodenheizung viel zu warm für Dich ist.
Zum Schlafen hast Du ein eigenes Sofa. Du schläfst viel, Deine Menschen haben viele andere Dinge zu tun, als sich mit Dir zu beschäftigen.
Du bist viel alleine, niemals darfst Du einen Gefährten haben.
Hektisch ist es in der Früh, wenn alle Deine Menschen durcheinanderlaufen und einer nach dem anderen das Haus verläßt. Du bist traurig - Du wirst eingesperrt und mußt warten, warten, warten,......
Und so vergehen langweilige Jahre für dich, Du darfst niemals tun, was Du willst.
Und sieh mal - das bin ich:
Ich bin eine Hundedame und ich habe 2 Gefährten, die sind immer bei mir. Wir suchen gemeinsam nach Futter, die besten Plätze kennen wir, hinter dem Hotel, da gibts immer was, mal Fischgräten, mal Knochen, manchmal Erdäpfelschalen - ein Festmahl für uns. Aber wir haben immer Hunger.
Ich fürchte mich vor Menschen, die treten mich oder werfen Dinge nach mir. Da laufe ich immer davon und verstecke mich.
Laufen kann ich, wohin ich will, schnuppern, graben, Fressbares suchen. Da gibt es beim Fluß unter einem Busch eine Höhle, da ist es kühl im Sommer.Oder wir schlafen im Schatten eines Autos oder im Gras:

Im Winter frieren wir und kuscheln uns zusammen, oft in einem alten Auto. Wir springen durch das kaputte Fenster hinein.
Eingesperrt sind wir nie, machen was wir wollen.
Traurig war ich erst vor kurzem. Ich bekam 8 Welpen, 4 waren tot. 2 wurden mir von lachenden Menschen weggenommen und in den Fluß geworfen. 1 wurde von einem Auto überfahren. Und mein letzter wurde immer schwächer, bis sein Schnaufen aufhörte. Ich habe ihn lange bewacht, dann bin ich traurig davongelaufen.
Aber jetzt, sieh mal, ich habe ein Bäuchlein und bekomme in wenigen Tagen wieder Welpen. Ich werde mich so sehr bemühen, dass wenigstens einer erwachsen wird. Ich mache alles alleine, mir hilft niemand so wie Dir, wenn Du Welpen bekommst.
Du hast nie Hunger, wohnst im Warmen, Deine Menschen mögen Dich, Deine Welpen werden alle so groß und stark wie Du, bist gesund und Du lebst viele Jahre.
Mein Leben ist kurz, ich habe Hunger, friere, Ungeziefer plagt mich, meine Welpen sterben.
Aber Du, lieber Freund Rassehund, lebst als Gefangener.
UND ICH BIN FREI! Dein Freund Strassenhund

copyright Lassnig-Ita. Kopieren verboten.